Das grosse Verstehen

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Viele Menschen interessieren sich für Chan-(Zen)-Buddhismus, finden aber häufig nicht den richtigen Einstieg. Auch höre ich häufig, dass die Lehre Buddhas nach Aussen „langweilig“ wirke, dass das Praktizieren nach wenig „Freude“ aussehen, dass die Menschen einen „entrückten“ Eindruck bei der Meditation und ihren Übungen vermitteln würden.
Nun, der Eindruck könnte für einen Betrachter entstehen, das Bild, das der Chan-Übende vermittelt, ist die eine Angelegenheit, die Vorgänge im Inneren der Person sind aber etwas völlig anderes.
Sicherlich ist die Philosophie Buddhas geprägt von den vier edlen Wahrheiten, die da sagen, dass
1. das Leben der Menschen aus Leiden besteht
2. die Ursachen des Leidens erklärt
3. erklärt, wie man die Leiden überwinden kann
4. die Wahrheit über die Überwindung der Leiden aufzeigt
Buddhismus mag (auf den ersten Blick) als wenig fröhlich erscheinen, denn die Lehre beschäftigt sich mit den Leiden der Menschen, die unzweifelhaft jeden von uns treffen, den einen mehr, den anderen weniger.
Dass das Leben häufig leidvoll und schmerzhaft ist sollten wir uns vergegenwärtigen, denn es ist die Wahrheit, die menschliche Existenz kann in jeder Sekunde zu Ende gehen, von der Geburt an drohen uns Krankheiten und der Tod, wir werden älter, das Leben ist keinesfalls nur ein „Zuckerschlecken“. Das erscheint natürlich als eine sehr negative Aussage, aber es ist und bleibt wahr, ob es uns passt, oder eben nicht.
Aber die „gute“ Botschaft in der Weltanschauung des Buddhas ist, dass diese Leiden überwunden werden können, wir Menschen müssen nicht leiden, es gibt einen Weg aus der „Angelegenheit“, heraus aus der Kümmernis, eine Lösung für das Dilemma eines jeden Menschen. Es gibt die „Erleuchtung„, die uns aus dieser Zwangslage befreien kann. Die Befreiung von unseren Leiden ist eine innere Angelegenheit, nach aussen hin ist wenig oder nichts davon sichtbar.
Am Anfang wird (in der Meditation) darüber nachgedacht, wer wir sind. Wer bin ich, das ist die Frage aller Fragen. Warum sind wir hier? Warum gerade „ich“?
Können Sie sich vorstellen, über diese Fragen aus der Postion eines Dritten nachzuforschen, sich „von aussen“ zu überlegen, wer Sie sind? Was würde diese „dritte Person“ jetzt über Sie denken? Etwa, dass Sie sich langweilen?
Von aussen betrachtet mag das so erscheinen, aber wenn Sie ruhig und konzentriert über den Sinn des Lebens reflektieren, langweilen Sie sich dann?
Wohl eher nicht!
Was könnte wichtiger sein als über das eigene „Ich“ nachzudenken, sich Gedanken über die elementaren Fragen des menschlichen „Seins“ zu machen?
Wer in der Meditation versunken ist, der mag „entrückt“ wirken, weil er in der Leere des Seins nach Antworten sucht, sich abkoppelt vom lästigen Ego, dass nach ständiger Zerstreuung und Ablenkung sucht, und bewußt nach seinem Bewusstsein „fahndet“.
In der kontemplativen Entrückung sind wir frei von Beurteilung oder Wertung, wir sind nur noch wir selbst, auf der Suche nach unserem Ich.
Wir müssen das menschliche Schicksal so annehmen, wie es eben ist, voller Leiden, voller Schmerzen, voller Ängste und Sorgen. Erst dann können wir uns von diesen Dingen „befreien“.
Dann können wir uns auf die Suche nach dem Menschen machen, der wir sind, abgekoppelt von der Rolle, die wir so gerne spielen, an die wir glauben. Wir sind nicht diejenigen, für die wir uns „halten“.
Wer bin ich, das ist die Frage aller Fragen!
Die Antworten mögen zuerst schmerzlich sein, dann lichtet sich der Nebel aber schnell.
Die Lehre Buddhas zeigt den Ausweg aus dem Leiden.
Das Verstehen ist der Schlüssel, der das torlose Tor öffnen wird.
 
Wenn Sie versuchen, das gesamte Universum zu verstehen, werden Sie überhaupt nichts verstehen. Wenn Sie versuchen, sich selbst zu verstehen, werden Sie das gesamte Universum verstehen
Siddhartha Gautama – Spirituelle Person im Buddhismus – 563 bis 483 vor dem Jahr Null
Ich versuche nicht zu glauben, aber ich glaube zu verstehen. Nun, ich glaube das, denn wenn ich nicht glaube, würde ich es nicht verstehen
Anselm von Canterbury – Theologe und Philosoph des Mittelalters – 1033 bis 1109
Die verstehen sehr wenig, die nur das verstehen, was sich erklären läßt
Marie von Ebner-Eschenbach – Österreichische Schriftstellerin – 1830 bis 1916
Ich kann dich nicht verstehen lassen. Ich kann niemanden verstehen lassen, was in mir vorgeht. Ich kann es mir nicht einmal erklären
Franz Kafka – Österreichisch-tschechischer Schriftsteller – 1883 bis 1924
Wir bewundern nicht was wir nicht verstehen können
Marianne Moore – US-amerikanische Dichterin und Schriftstellerin der Moderne – 1887 bis 1972
Wenn die Religionen wahr sind, dann aus dem Grund, weil es jedes Mal Gott ist, der gesprochen hat. Und wenn sie unterschiedlich sind, dann aus dem Grund, weil Gott in verschiedenen Sprachen entsprechend der Verschiedenheit der Empfänger gesprochen hat. Und endlich, wenn sie absolut und ausschließlich sind, dann aus dem Grund, weil Gott in jeder Religion von „Ich“ gesprochen hat
Frithjof Schuon – Schweizerischer Denker des Traditionalismus – 1907 bis 1998

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